Der Aussätzige (…) soll eingerissene Kleider tragen und das Kopfhaar ungepflegt lassen; er soll den Schnurrbart verhüllen und ausrufen: ‚Unrein! Unrein!‘. Solange das Übel besteht, bleibt er unrein; er ist unrein. Er soll abgesondert wohnen, außerhalb des Lagers soll er sich aufhalten.“

 

(3 Mose 13,45f)

 


 

Die Menschen haben mich plötzlich anders angesehen und mich gemieden. Selbst meiner Familie war ich peinlich und nicht mehr nützlich, schließlich haben sie mich verbannt. Von diesem Tag an war ich ausgestoßen, ein Aussätziger.”

 

(Kagitapu Venkatesh, 34)

 

 

 

Ich sehe einen Menschen mit gewinnendem Lächeln in einem freundlichen Gesicht, doch je weiter mein Blick hinabgleitet an seinem Körper im Rollstuhl – ein Körper, der so kräftig erscheint und doch so zerbrechlich anmutet mit den Resten von Füßen und Händen, an denen nur noch die Stumpen von Fingern und Zehen zu erkennen sind. Aber ich begreife noch nicht, weil ich Lepra nicht aus dem Alltag kenne – ein Alltag, der geprägt ist von Vorurteilen der Mitmenschen und von rudimentär vorhandenem Wissen über diese Krankheit sowie von den ständigen, wenn auch möglichst zu vermeidenden Begegnungen mit Betroffenen.

 

 

Neben der rein medizinischen Behandlung sowie kostenlosem Zugang zu Diagnose und Therapie ist Aufklärung eine zentrale Rolle in der Arbeit von Organisationen wie der DAHW und ihrer indischen Partner. Zum Beispiel die Aufklärung darüber, dass man sich bei einem Patienten nicht mehr anstecken kann, sobald dieser mit seiner Chemotherapie begonnen hat. Oder Aufklärung darüber, dass Lepra vollständig heilbar ist und die Verstümmlungen nur dann eine Folge sind, wenn die Krankheit zu spät entdeckt wurde.

„Die Lepra-Bakterien zerfressen die Nerven“, klärt mich Schwester Bridget dann auch auf, „und dann verliert man das Gefühl, zuerst an Händen und Füßen. Wer sich verletzt, merkt es nicht, die Verletzung entzündet sich dann schnell. Nach einiger Zeit entstehen chronische Entzündungen, die meistens zu Amputationen führen.“

 

 

Auch wenn Lepra heute keine unheilbare Krankheit mehr ist, besteht kein Grund für ihre Verharmlosung. Aufgrund der gesellschaftlich bedingten Stigmatisierung, die nicht nur kranke, sondern auch geheilte Leprapatienten betrifft, sind die Kollateralschäden für die Betroffenen enorm; Ausgrenzung und sozialer Abstieg machen die Rückkehr in ein normales, weil selbstbestimmtes Leben nahezu unmöglich.